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Univ.-Prof. PD Dr. Harald Sourij, MBA, Medizinische Universität Graz und Präsident der ÖDG
Copyright: Sissy Furgler
Univ.-Prof. PD Dr. Julia Mader, Medizinische Universität Graz und Erste Sekretärin der ÖDG
Copyright: Foto Furgler Graz
Weltdiabetestag 2026: Frühes Handeln kann schwere Folgen verhindern
ÖDG fordert bessere Früherkennung, umfassende Behandlung, Zugang zu moderner Technologie und einheitliche Versorgung
Wien, 4. November 2026 – Diabetes bleibt in Österreich oft lange unentdeckt – mit potenziell schweren Folgen. Anlässlich des Weltdiabetestages am 14. November, der 2026 unter dem internationalen Motto „Early Action on Diabetes“ steht, rückt die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) beim heutigen Pressegespräch die Bedeutung frühen Handelns in den Mittelpunkt: von der rechtzeitigen Diagnose über wirksame Therapien bis zu einer Versorgung, die Komplikationen vorbeugt. Neue österreichische Daten und Fortschritte bei der Früherkennung des Typ-1-Diabetes zeigen sowohl den Handlungsbedarf als auch neue Chancen.
Viele Menschen haben Diabetes, ohne davon zu wissen
Eine Auswertung von mehr als 6,4 Millionen Nüchternblutzucker-Messwerten aus österreichischen Vorsorgeuntersuchungen ergab: Rund sechs Prozent der untersuchten Personen hatten einen bekannten Diabetes, knapp drei Prozent einen bislang nicht diagnostizierten Diabetes. Bei etwa 20 Prozent zeigte sich ein Prädiabetes, also eine Vorstufe der Erkrankung. Mit dem Alter sowie bei Übergewicht und Adipositas nimmt die Häufigkeit deutlich zu.
„Viele Menschen in Österreich haben erhöhte Blutzuckerwerte und wissen nichts davon. Genau darin liegt aber auch eine große Chance: Wer Prädiabetes oder Diabetes früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern“, sagt der Präsident der ÖDG, Univ.-Prof. PD Dr. Harald Sourij, MBA, von der Medizinischen Universität Graz.
Die Behandlung müsse früh und umfassend ansetzen. „Eine gute Diabetesbehandlung ist mehr als Blutzuckersenkung. Wir müssen von Anfang an auch Blutdruck, Blutfette und Lebensstil im Blick haben, um schwere Folgeerkrankungen möglichst zu verhindern“, betont Sourij. Entscheidend sei zudem die richtige Diagnose: Neben den bekannten Diabetesformen gibt es seltene monogenetische Erkrankungen, für die teils andere oder gar keine medikamentösen Therapien nötig sind. Ein österreichweites ÖDG-Register hat bereits mehr als 140 Betroffene dieser sehr seltenen Diabetesformen erfasst. Erste Ergebnisse werden bei der ÖDG-Jahrestagung vorgestellt.
Mehr als 500 schwerwiegende Amputationen pro Jahr
Wie gravierend die Folgen sein können, verdeutlichen Daten der österreichischen Sozialversicherung: Jährlich werden gut 500 sogenannte Majoramputationen – Amputationen oberhalb des Sprunggelenks – durchgeführt. Bei Menschen mit Diabetes liegt die Sterblichkeit innerhalb eines Jahres nach einer solchen Amputation bei über 36 Prozent. Schlechtere Blutzuckerkontrolle ist darüber hinaus mit einem höheren Risiko für erneute Amputationen verbunden.
„Mehr als 500 schwere Amputationen pro Jahr, und mehr als ein Drittel der Betroffenen stirbt innerhalb eines Jahres danach: Diese Zahlen zeigen, wie ernst die Folgen sein können. Frühes Handeln ist deshalb kein Schlagwort, sondern eine medizinische Notwendigkeit“, so Sourij.
Typ-1-Diabetes: Erkennen, bevor Kinder Symptome entwickeln
Auch bei Kindern und Jugendlichen kann Früherkennung entscheidend sein. Typ-1-Diabetes beginnt häufig Monate bis Jahre vor den ersten Beschwerden. Bestimmte Autoantikörper im Blut können frühe Krankheitsstadien anzeigen. Genetische Tests können ein erhöhtes Risiko erkennen, sind für sich allein aber keine Diagnose. Eine gezielte Begleitung kann helfen, gefährliche Stoffwechselentgleisungen wie eine diabetische Ketoazidose bei der Erstmanifestation zu vermeiden.
„Eine diabetische Ketoazidose darf nicht der erste Hinweis auf Typ-1-Diabetes sein. Wenn wir Diabetes bei Kindern früher erkennen und Familien begleiten, können wir gefährliche Notfälle verhindern helfen“, sagt Priv.-Doz. Dr. Maria Fritsch, Medizinische Universität Graz und Vorsitzende des ÖDG-Ausschusses Pädiatrie. Österreichische Registerdaten zeigten bei Erstdiagnosen zeitweise Ketoazidose-Raten von bis zu 44 Prozent. Dass Screeningprogramme diese Rate senken können, legen internationale Studien nahe.
Da mehr als 80 Prozent der neu betroffenen Kinder keine nahen Angehörigen mit Typ-1-Diabetes haben, reichen Untersuchungen ausschließlich in Risikofamilien nicht aus. „Vier von fünf betroffenen Kindern haben keine bekannte familiäre Vorbelastung. Wer Früherkennung ernst nimmt, muss deshalb über Screenings für alle Kinder nachdenken“, so Fritsch. In Österreich laufen beziehungsweise entstehen dazu Projekte wie INNODIA DETECT, GPPAD und ein Pilotprojekt zum bevölkerungsbezogenen Screening ist in Planung. Ein flächendeckendes Programm gibt es noch nicht.
Neue Chancen bietet außerdem die Immuntherapie Teplizumab, die seit Jänner 2026 in der EU für ausgewählte Erwachsene und Kinder ab acht Jahren mit Typ-1-Diabetes im Stadium 2 zugelassen ist. In einer randomisierten Studie verzögerte sie den Übergang zum symptomatischen Diabetes: Die mediane Zeit bis zur klinischen Diagnose betrug 48,4 Monate gegenüber 24,4 Monaten unter Placebo. Eine Heilung ist die Behandlung nicht. „Mit Teplizumab können wir bei ausgewählten Kindern den klinischen Beginn von Typ-1-Diabetes hinauszögern. Diese neue Chance nützt aber nur, wenn wir die Erkrankung vor den ersten Symptomen entdecken“, sagt Fritsch.
Moderne Technik muss zugänglich und zuverlässig sein
Kontinuierliche Glukosemesssysteme, Insulinpumpen und automatisierte Insulinabgabesysteme (AID) können die Glukoseeinstellung verbessern und Menschen mit Diabetes im Alltag entlasten. Doch in Österreich bestehen nach Einschätzung der ÖDG weiterhin Hürden – insbesondere beim Zugang zu Sensoren für bestimmte Insulintherapieformen sowie bei der Auswahl automatisierter Insulinsysteme.
„Moderne Diabetestechnologie kann das Leben mit Diabetes deutlich erleichtern. Aber die beste Technologie hilft wenig, wenn Betroffene keinen Zugang dazu bekommen“, sagt Univ.-Prof. PD Dr. Julia Mader, Medizinische Universität Graz und Erste Sekretärin der ÖDG. Während in Österreich laut ihrem Vergleich derzeit nur zwei AID-Systeme zur Verfügung stehen, bieten etwa Deutschland und Spanien eine breitere Auswahl. „In Österreich ist die Auswahl an automatisierten Insulinsystemen zu klein. Menschen mit Diabetes brauchen Zugang zu der Technologie, die medizinisch und im Alltag zu ihnen passt“, fordert Mader.
Gleichzeitig müsse die Messqualität stärker berücksichtigt werden. Eine CE-Kennzeichnung allein garantiere keine vergleichbare Messgenauigkeit der Geräte; einheitliche spezifische europäische Mindestkriterien für kontinuierliche Glukosesensoren fehlten bislang. „Ein Sensor ist kein Sparartikel. Wenn Menschen ihre Insulindosis nach Messwerten ausrichten, muss die Genauigkeit stimmen. Bei der Beschaffung muss Qualität vor dem billigsten Preis stehen“, betont Mader.
Dachorganisation fordert verbindliche Verbesserungen
Aus Sicht der Interessenvertretung „wir sind diabetes“ müssen Früherkennung und Behandlung im Alltag aller Menschen mit Diabetes ankommen. Dazu gehören niederschwellige Blutzuckerkontrollen, regelmäßige Untersuchungen von Augen, Nieren, Nerven und Füßen, rasche Überweisungen bei Auffälligkeiten und eine koordinierte Wundversorgung. Ebenso wichtig sind Schulungen, psychosoziale Unterstützung und verlässliche Betreuung von Kindern in Bildungseinrichtungen.
„Wir dürfen nicht erst handeln müssen, wenn Diabetes bereits Schäden angerichtet hat. Früherkennung muss für alle einfach zugänglich sein“, sagt Thomas Führer, Vorstandsmitglied von „wir sind diabetes“. Dazu braucht es viel mehr Aufklärung für die Bevölkerung, regelmäßige Kontrollen und eine Versorgung, die rechtzeitig eingreift. Schwere Folgeerkrankungen wie Organschädigung oder gar Amputation lassen sich minimieren, hinauszögern oder gar komplett vermeiden.
Die Interessenvertretung fordert, die Österreichische Diabetes-Strategie mit konkreten Maßnahmen, klaren Zuständigkeiten und nachhaltiger Finanzierung umzusetzen. Auch moderne Therapien und die Betreuung von Kindern müssten österreichweit gleich gut erreichbar sein. „Ob ein Kind moderne Diabetestechnologie und gute Betreuung erhält, darf nicht vom Wohnort oder vom Einkommen der Familie abhängen“, unterstreicht Führer.
Weltdiabetestag: Frühes Handeln als gemeinsamer Auftrag
Der Weltdiabetestag am 14. November erinnert weltweit an die Bedeutung von Aufklärung, Vorsorge und einer guten Versorgung von Menschen mit Diabetes. Unter dem Motto „Early Action on Diabetes“ macht die ÖDG 2026 deutlich: Früh erkennen allein genügt nicht. Auf die Diagnose müssen rasche, individuell passende Behandlung, verlässliche Technologie und langfristige Betreuung folgen – damit schwere Komplikationen möglichst gar nicht erst entstehen.
Über die ÖDG
Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) ist die ärztlich-wissenschaftliche Fachgesellschaft der österreichischen Diabetes-Expert:innen. Sie hat das Ziel, die Gesundheit von Menschen mit Diabetes mellitus und assoziierten Erkrankungen zu verbessern, sowie deren Entstehung zu verhindern. Sie betreibt Fortbildung, Forschung und Verbreitung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Diabetes mellitus und aller verwandten Fachgebiete. Sie fordert und fördert die stetige Verbesserung der Versorgung, der Lebensqualität, der gesellschaftlichen Partizipation und des gesunden Alterns der Menschen mit Diabetes sowie von Menschen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko.
Rückfragehinweis:
Public Health PR
Mag. Michael Leitner, MAS
Tel.: 01/60 20 530/91
Mail: michael.leitner@publichealth.at
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